Vom Solarplexus ins Herz

Wenn Sichtbarkeit Feuer entzündet

Eine Frau mit kurzem, fast schwarzem Haar in schlichtem Leinenhemd sitzt meditierend im Profil; ein warmer Feuerstrom steigt vom Solarplexus ins Herz. Vor ihr eine brennende Kerze, ein Buch mit Ledereinband und ein Füller.

Sichtbarwerden aktiviert nicht nur Kreativität, sondern auch alte Schutzmechanismen. Doch genau darin liegt eine große Chance.

Seit ich an meiner Homepage schreibe, spüre ich starke Empfindungen durch meinen Körper fließen – hauptsächlich zwischen Kehlkopf und Solarplexus. In die Sichtbarkeit zu treten, ist ein kraftvoller Schritt, der Mut braucht. Es ist ein Akt von Selbstermächtigung, von Selbstautor*innenschaft. Da ist eine Stimme, die sich äußern will, und eine Kraft, die mich richtig lebendig macht.

Gleichzeitig taucht etwas auf, das ich gut kenne – und das ich weder pathologisieren noch romantisieren möchte: Anflüge von Selbsterhöhung. Ein Hauch von alter Verletztheit durch fehlende Anerkennung.

Ich möchte etwas über Sichtbarkeit sagen, bevor ich über Überlegenheit und Schatten spreche. Sichtbarkeit wird schnell mit unreifer Aufmerksamkeitssuche verwechselt. Für mich sind das zwei verschiedene Bewegungen: Es gibt einen gesunden Impuls, sichtbar werden zu wollen – als Selbstausdruck, als Teilhabe, als Self‑Authorship. Und es gibt einen unbewussten Impuls, Aufmerksamkeit zu bekommen: ein Versuch, ein altes Exilgefühl zu regulieren. Beides ist menschlich – und ich lerne gerade, den Unterschied in mir zu spüren.

Mir begegnet in Gesprächen manchmal eine Verurteilung von Menschen, die nach Aufmerksamkeit suchen. Ich verstehe den Reflex – und möchte trotzdem eine Ebene tiefer schauen. Aufmerksamkeit hat viel mit Bindung zu tun, und viele unserer unbewussten Muster entstehen in frühen Beziehungen. Wenn ein Kind ausreichend Wärme, Spiegelung und Schutz erfährt, entsteht häufig ganz organisch ein stabileres Gefühl von Selbstwert. Wenn das nicht (oder nicht genug) da war, kann sich diese Leerstelle bis ins Erwachsenenleben hinein bemerkbar machen – als ein unbewusster Zug, der uns steuert, manchmal auch auf eine Weise, die auf andere „komisch“ oder unangenehm wirkt (neben vielen anderen Faktoren, die ebenfalls eine Rolle spielen).

Ich möchte das entpathologisieren. Da ist oft nicht „Narzissmus“, sondern ein Teil, der nach Kontakt sucht – nur noch ohne reife Form, dieses Bedürfnis zu halten oder zu erfüllen.

Ich kann Gedanken dieser Art in mir aufsteigen sehen: „Nun werden sie mich sehen.“ – „Seht, wie klug ich bin.“ Das ist Schattenmaterial in Reinform, das sich hier Bahn brechen möchte. Es klingt vielleicht komisch, aber ich freue mich auf diese Arbeit. Ich freue mich darauf, diesen feuerspeienden Drachen in mir zu küssen und zu umarmen, damit sein Drachenherz zu leuchten beginnt und das Feuer aus dem Solarplexus seinen Weg ins Herz findet.

Vielleicht kennst du das auch: Sobald du dich zeigst – mit einem Projekt, einer Meinung, einem kreativen Schritt – kommt nicht nur Freude auf, sondern auch etwas Verletzliches. Die Angst, wieder unbedeutend zu sein. Und als Gegenschlag (um diese Angst nicht spüren zu müssen) manchmal der Wunsch, „mehr“ zu sein als andere. Mich interessiert, wie wir diese Kräfte in uns nicht wegdrücken, sondern integrieren können.

Ich glaube, dass die allermeisten von uns eine ähnliche Dynamik im einen oder anderen Lebensbereich kennen – jeder auf seine Weise und in unterschiedlich starker Ausprägung. Meine Motivation, diese Dynamik in einem Text sichtbar zu machen, liegt vor allem darin, sie zu entprivatisieren: Bedeutungslosigkeit, Nicht‑gesehen‑werden und Ausschluss sind menschliche Grundängste, und Überlegenheit hat oft eine Schutzfunktion.

Und wenn ich in mich hineinspüre, dann ist diese Angst nicht abstrakt. Sie ist körperlich. Sie gräbt in der Gegend des Solarplexus und brennt dort wie ein Feuer. In der Kehle ist Druck. In der Herzgegend ein unangenehmes Brennen. Sobald ich sichtbar werde, meldet sich ein alter Reflex: Mach dich groß, bevor man dich klein macht. Wirke klug. Wirke tiefgründig. Werde unangreifbar.

Ich kenne diese Überlebensstrategie nur zu gut. Früher hat sie mir gedient, indem sie mir geholfen hat, psychisch zu überleben. Heute möchte ich etwas anderes üben: nicht größer zu werden, sondern echter. Nicht zu predigen, sondern in Kontakt zu bleiben.

Heute muss ich die Angst vor Bedeutungslosigkeit nicht mehr wegmeditieren oder wegdrücken. Ich möchte sie als zu mir gehörig anerkennen. Nicht fliehen, nicht kapitulieren – sondern durchlaufen lassen, damit sie nicht im Schatten stecken bleibt. Ein Mantra, das ich dieser Tage immer wieder mit mir habe, lautet: „Angst, niemand zu sein – du darfst da sein.“ Hand aufs Herz. Hand auf den Solarplexus. Langsames, langes Ausatmen.

Selbstwert und Selbstwirksamkeit (Solarplexus) sowie Liebe und Zugehörigkeit (Herz) sind das Knochenmark dieser Dynamik – der Ort, an dem sich Manipura und Anahata wirklich treffen. Und genau dort wird das Thema dieses Textes praktisch: Wo nicht mehr verdrängt wird, kann sich Manipura‑Feuer in Herzfeuer wandeln.

Ein wichtiger Teil dieser Homepage werden Landkarten sein. Natürlich keine geografischen, sondern innere Landkarten, die für mich – und vielleicht auch für dich – hilfreich sein können. So eine innere Landkarte versuche ich jetzt zu skizzieren.

Zunächst wieder ein Bild, weil es kraftvoll ist und einen Rahmen schafft, in dem die Grundbewegung sichtbar wird: Jungianisch könnte ich sagen, in mir gibt es eine Hohepriesterin. Sie steht am Eingang eines inneren Tempels und bewacht, was als würdig gilt. Sie ist nicht böse. Sie ist eine Schutzfigur. Sie baut Tempel aus Tiefe, Klugheit und Bewusstheit – damit ich mich nie wieder unbedeutend fühlen muss.

Wenn ich mich nicht zugehörig fühle, versuche ich unbewusst, überlegen zu sein.

Wenn ich diese innere Mechanik als Abfolge darstelle, sieht das so aus:

Als Erstes ist da eine Empfindung im Körper – zunächst noch ganz roh (manchmal sehr subtil, manchmal stark und klar spürbar). Vielleicht als Enge oder Hitze im Solarplexus und als Druck im Kehlkopf. In der Herzgegend ein unangenehmes Brennen.

Dann entsteht ein Grundgefühl: eine Mischung aus Angst und Unsicherheit. Das ist unangenehm, und der Kopf liefert eine Geschichte dazu: „Wenn ich nicht klug und tiefgründig wirke, bin ich niemand.“ Das befeuert das Gefühl. Es droht zu überfluten.

Die Hohepriesterin übernimmt ihre Schutzfunktion und sagt: „Dann zeig ihnen eben Tiefe!“

Es entsteht eine sekundäre emotionale Schicht: Ungeduld (die meist Angst überdeckt), Überlegenheit, im schlimmsten Fall Verachtung.

Im Verhalten zeigt sich das als missionierender oder belehrender Ton, als subtiler Abstand, als weniger echtes Zuhören und als schnelles Reagieren.

Der Beziehungseffekt ist dann, dass der andere sich bewertet und klein fühlt (und möglicherweise selbst in Überlegenheit kippt). Die Beziehung wird hitziger oder kühler. Es entsteht Distanz.

Der wohl grausamste Effekt, den ich immer wieder erlebe: die Bestätigung der Grundüberzeugung. „Ich gehöre nicht dazu“ (weil mein Verhalten Ablehnung auslöst). „Sie verstehen mich nicht.“ „Ich bin allein.“ „Niemand mag mich.“ Dadurch verstärkt sich das Exilgefühl.

Die Schleife beginnt von Neuem: mehr Tempelbau, mehr Überlegenheit als Schutz.

Überlegenheit ist bei mir selten die erste Welle. Sie ist die zweite: eine Antwort auf Angst, die nicht gefühlt werden durfte.

Ich unterscheide für mich grob zwischen dem, was im Körper auftaucht (als Gefühl oder Empfindung), und der Emotion, die daraus wird, wenn der Kopf eine Geschichte dazu fabuliert. Der Körper meldet: „Gefahr: Exil.“ Der Kopf liefert eine Erzählung. Diese unbewusste Strategie hilft dem Ich, sich zumindest vorübergehend wieder zu stabilisieren.

Drei Szenen, die Wiedererkennung anbieten:

Szene A: Jemand schreibt mir eine Nachricht, die etwas in mir triggert – Neid, Kränkung, das Gefühl, übersehen zu werden. Ich merke den Stich im Sonnengeflecht, aber ich benenne ihn nicht. Stattdessen übernimmt die Hohepriesterin. Ich antworte korrekt, knapp und „erwachsen“. Nur: Zwischen den Zeilen ist es kalt. Die andere Person spürt das. Und am Ende habe ich zwar meine Würde „gewahrt“, aber Verbindung verloren (zu mir selbst und zum anderen).

Szene B: In einer Runde erzählt jemand etwas, das ich innerlich als „unreflektiert“ einordne. Ich merke den Impuls in mir, bewerten, korrigieren und aufklären zu wollen. In dem Moment fühlt sich Überlegenheit wie Stabilität an. Aber dieses „Zu-klug-sein-Wollen“ lässt Distanz entstehen – vor allem zu meinem Herzen und irgendwann auch zum Raum.

Szene C: Gerade im spirituellen Kontext ist die Versuchung groß, Tiefgründigkeit als eine Art Aufmerksamkeitswährung einzusetzen. Wenn ich mich dort unsicher fühle, will ein Teil von mir beweisen, dass ich „bewusst“ bin. Doch genau hier geschieht das Paradox: Ich verliere das, was ich eigentlich suche – Gegenwärtigkeit und Verbindung.

Viele von uns haben ihre ganz eigenen Unsicherheiten – hier mehr, dort weniger. Ich übe mich darin, diese Schleife zu unterbrechen. An manchen Tagen gelingt es besser als an anderen.

Eine Mini‑Praxis, die ich hilfreich finde:

  • Körpergefühl wahrnehmen: Hand auf den Solarplexus. Einmal tief ein- und langsam ausatmen.
  • Benennen (ein wichtiger Schritt): „Angst vor Bedeutungslosigkeit ist da.“
  • Wahlmoment: Ich muss nicht in Selbsterhöhung kippen – ich kann verbinden.
  • Kontakt‑Schritt: Eine echte Frage stellen, statt zu erklären.

Wenn die Beziehung zum Gegenüber vertraut genug ist, finde ich es ehrlich schön und radikal menschlich, zu sagen: „Ich merke gerade, dass ich mich unsicher fühle und besonders klug wirken möchte. Doch eigentlich will ich in Kontakt bleiben.“

Ich habe lange geglaubt, ich müsse einen Tempel bauen, um nicht im Exil bleiben zu müssen – einen Tempel aus Klugheit, Tiefe und Bewusstheit. Aber in Wahrheit brauche ich keinen Tempel, um dazuzugehören. Ich brauche ein Herz, das den Mut hat, nicht zu fliehen, wenn es sich unbedeutend fühlt.

Das ist die Initiation: Das Feuer muss weder gelöscht noch vergöttert werden. Es will verwandelt werden. Solarplexus ins Herz. Wille in Wärme. Bedeutung in Begegnung.

Und wenn ich dann schreibe, will ich nicht glänzen. Ich will leuchten – nicht über andere, sondern mit ihnen.


Möge mein Feuer verbinden, nicht erhöhen.
Möge meine Tiefe Nähe sein.
Möge mein Schreiben ein Weg zurück ins Wir werden.

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