Eine Perspektivenübung

Diese Perspektivenübung ist keine wissenschaftliche Aussage darüber, was der Planet Erde ist. Meine Absicht ist, auf phänomenologische Weise von innen heraus eine Beziehungsdimension zu öffnen. Ich lade dich ein, mich dabei zu begleiten und hineinzuspüren, was dabei in dir passiert. Was wird wach? Was verändert sich?
Die Idee, die Erde als lebendiges Wesen zu betrachten, als Mutter, Ma, habe ich von Dr. John Churchill entliehen. Als ich ihn davon erzählen hörte, hat das etwas tief in mir berührt, und ich habe daraus eine tägliche kleine Übung gemacht. Der Text ist eine Sammlung aus Gedanken, die in den Übungen über einen Zeitraum von ein paar Wochen entstanden sind.
Was passiert also, wenn wir den Planeten nicht nur als Umwelt wahrnehmen, sondern als Mutter, Ma, als lebendiges Wesen, das atmet, spürt, trägt, vielleicht sogar ein Innenleben hat – eine Seele, die Anima Mundi? Und wenn man es wagt, diesen Gedanken noch weiter zu denken: dass sie vielleicht sogar selbst in einem evolutiven Prozess steht – nicht bloß als materieller Planet aus Gestein und Wasser, sondern als Wesen?
Fragst du dich, was der Sinn so einer Übung sein könnte? Ich glaube, dass die Art, wie wir denken, unser Handeln verändert. Die Welt als Ressource zu betrachten, lässt uns anders handeln, als wenn sie Verwandtschaft ist. Und selbst wenn beide Sichtweisen vielleicht wahr sind, macht die Einbeziehung der Erde als Mutter etwas in mir weicher. Dankbarkeit, Verantwortung, Zugehörigkeit, vielleicht auch Trauer oder Zärtlichkeit.
Mit dem nüchternen Blick sehe ich die Erde als Himmelskörper, einen Planeten mit Atmosphäre, Wasser, Gestein, Kreisläufen, Wärme, Kälte, Wetter, Jahreszeiten, Strömungen, Böden – eine unendliche Komplexität aus sich selbst regulierenden Systemen, die sich über Milliarden Jahre stabilisiert hat und sich zugleich ständig verändert. Es ist faszinierend für mich, wie unmöglich es ist, diese Zeiträume wirklich zu erfassen. Der Erdkörper reguliert sich selbst, wie es auch der menschliche Körper tut.
Der nächste Blick bringt mich in eine poetisch-mythische Begegnung mit Ma. Sie atmet, nicht metaphorisch, sondern fühlbar. Wälder, Ozeane, Böden, Wolken ergeben in Wechselwirkung eine Atembewegung. Und so atme ich mit ihr und durch sie. Jeder Atemzug ist Austausch, ist Beziehung. Ein Kreislauf, der älter ist als jede Geschichte darüber. Ich frage mich, was sich in mir, in dir verändert, wenn Atem nicht mehr privater Besitz ist, sondern Beziehung.
Wenn ich die Erde Ma nenne, spüre ich etwas Merkwürdiges. Anstatt Wissen im Kopf spüre ich Zärtlichkeit im Herzen. Da ist eine Intimität, da ist Verbindung. Was fühlst du? Wärme? Widerstand? Skepsis? Nichts? Selbst nichts zu fühlen ist Information. Dann ist da vielleicht Distanz. Und Distanz hat meistens Gründe.
Wir sind nicht auf der Erde, wir sind aus ihr. Unser Körper ist Erde in Bewegung: Wasser, Mineralien, Salz, Eisen. Unsere Nahrung ist umgewandelte Erde. Unser Leben ist nicht getrennt vom Boden. Es ist eine vorübergehende Form, die der Boden angenommen hat. Ich merke, wie diese Sicht eigentlich zwei Sichtweisen in sich vereint, sowohl die biologische als auch die spirituelle. Die Grenzen zwischen uns und Ma sind in Wirklichkeit wieder nur Grenzen der Wahrnehmung, Linien im Kopf – nützlich und notwendig fürs Überleben, wenn verabsolutiert, aber vielleicht dysfunktional.
Es ist eigenartig und doch so klar: Der Zustand der Erde ist von unserem körperlichen Zustand nicht zu trennen. Es stimmt mich ein wenig traurig. Das lässt mich die Frage von Verantwortung spüren. Ich frage mich, warum wir das so oft als moralischen Druck wahrnehmen und nicht einfach als natürliche Antwort auf jemanden, den man liebt, um den man sich sorgt und kümmert. Dieses Verantwortungsgefühl für Ma lässt mich achtsamer werden. In meine Handlungen fließt die leise Frage: Was brauchst du, Ma, durch meine Hände?
Aber ich merke auch: Ich alleine bin es nicht. Das sind Systeme, menschliche Strukturen, die inzwischen geologisch wirksam geworden sind: Städte, Landwirtschaft, Energie, Geld, Technologie, Medien, Politik. Ja, die Erde ist nicht nur Natur. Dieser Blick überfordert mich manchmal. Dieses Ineinandergreifen der Systeme mit unserem Innenleben: Angst, Gier, Ohnmacht, Hoffnung. Das ist unsere innere Infrastruktur.
Es geht mir nicht um Schuld. Sich schuldig zu fühlen geht manchmal mit Lähmung einher und im schlimmsten Fall mit Zynismus. Was mich bewegt, ist eher Verbundenheit, Nüchternheit, Mut zur Komplexität und die Fähigkeit, kleine Schritte nicht zu verachten. Angenommen, die Erde ist ein lebendiges Wesen, dann würde sie vielleicht nicht um Perfektion bitten, sondern um Beziehung: Bist du da? Hörst du zu? Handelst du im Rahmen deiner Möglichkeiten?
Mir ist klar, dass wir Menschen die Erde ganz unterschiedlich sehen. Für manche ist sie Zuhause und Schutz, für andere vielleicht Rohstoff und Bühne des Fortschritts. Wieder andere sehen sie vielleicht als verletzliches Wesen oder gar als heiliges Mysterium. Vielleicht sind das verschiedene Schwerpunkte, die sich im Lauf einer Entwicklung verschieben können: Sicherheit, Erfolg, Fürsorge, Ganzheit. Fast wie eine Maslow’sche Erd-Mensch-Bedürfnispyramide. Die Integrale Theorie beschreibt solche Entwicklungsstufen noch feiner – und jede davon hat ihre eigene Wahrheit und ihren Platz. Welche Art von Erdbeziehung ist bei dir am stärksten ausgeprägt?
Und dann ist da die Idee, die ich anfangs erwähnte: dass auch Ma in einem Prozess ist, dass Evolution nicht nur ein äußerer, sondern auch ein innerer Vorgang ist. Vielleicht wächst nicht nur die Komplexität der Materie, sondern auch die Empfindungsfähigkeit. Vielleicht ist Bewusstsein nicht einfach etwas, das zufällig auf einem toten Planeten auftaucht, sondern eine Ausdrucksform des lebendigen Selbst. Ich finde diese poetische Hypothese schön, denn sie führt mich zu mehr Achtung, mehr Liebe und mehr Mut.
Ich frage mich, was wir im Moment als Menschheit brauchen. Mehr objektive Wahrheit – oder vielleicht auch mehr Lebendigkeit und Verbindung?
Ich schließe meine Perspektivenübungen meist damit, alles wieder loszulassen. Kein Denken mehr über Erde, nur Dasein. Mich von Ma berühren lassen. Schwerkraft spüren, Atem spüren, Geräusche spüren. Vielleicht ist da noch ein kleines Gebet, das das Spüren verstärkt: Ma, ich bin hier. Ich höre zu.
Vielleicht findest du eine winzige Antworthandlung: Wasser bewusster trinken, einen Spaziergang ohne Handy, einen Baum berühren, Müll aufheben, ein Dank, etwas reparieren statt ersetzen. Welche Gesten bringen dich in eine gefühlte Beziehung?
Ich freue mich, wenn du mir in den Kommentaren erzählst, was dieser Text in dir berührt oder ausgelöst hat. Welche Perspektive fehlt dir hier noch? Und wie sieht deine ganz persönliche Beziehung zu Ma aus?